
Am letzten sonnigen Wochenende führte ich mir einmal alle in letzter Zeit liegengebliebenen Musikzeitschriften auf meinem Balkon zu Gemüte, um mal wieder zu schauen was es Aktuelles und Interessantes auf dem Plattenmarkt gibt. Welche Neuveröffentlichungen sind empfehlenswert und welche nicht? Diese Auskunft erhoffe ich mir von einer Musikfachzeitschrift, bzw. jedenfalls eine Anregung dazu. Doch ich musste feststellen, dass der Großteil der Neuveröffentlichungen wahlweise das
„Album des Jahres“,
„das beste Album was Band XY je gemacht hat“ oder ein
„Meilenstein in der Bandgeschichte“ war. Weitere überschwängliche Darstellungen waren häufig
„zum Glück sind sie ihren Wurzeln treu geblieben“ bzw.
„endlich sind sie zurück zu ihren Wurzeln gekehrt“. Bei wieder anderen Bands nutzte man das gegenteilige Argument um die Genialität der neuesten Veröffentlichung zu unterstreichen:
„Zum Glück machen sie nicht immer wieder das gleiche und wagen sich auf zu neuen Ufern“. Auch meist belanglose und allein aus kommerziellen Gründen herausgebrachte Best of-Sammlungen werden in höchsten Tönen gelobt:
„Es ist nicht einfach nur ein Best of-Album, sondern viel mehr…“ – z.B.
„ein Geschenk für die Fans“.
Natürlich besitzt Kritik, egal um was es geht, immer auch viel von der subjektiven Meinung des Autors. Aber für mich ist es doch irgendwie offensichtlich, dass die besten Anzeigenkunden das beste Echo der Redakteure ernten bzw. durch gute Kritiken Anzeigenkunden generiert werden sollen. Allerdings möchte ich, wenn ich mir eine Musikzeitschrift kaufe, keine Werbebroschüre lesen, sondern Journalismus, der mir auch erlaubt, mir selbst ein Urteil zu bilden. Auch in vielen anderen Fachzeitschriften, wie Auto- oder Computerzeitschriften, scheint dieses Gebaren auf der Tagesordnung zu stehen. Das Prädikat „Testsieger“ oder ein gutes Testurteil scheint häufig nicht dem wirklich besten Produkt beschieden zu sein, wenn man sich die Verteilung von Anzeigen anschaut. Aber vielleicht täusche ich mich ja auch…
Wie schon
in meinem letzten Beitrag erwähnt, würde ich mir an einigen Punkten wieder etwas mehr kritischen Journalismus wünschen. Verständlich ist natürlich auch, dass die Verlage bei der miserablen Marktlage und dem Wettbewerb aus dem Internet um jeden Anzeigenkunden kämpfen müssen. Aber um jeden Preis? Gibt es „richtige“ Kritik bald nur noch in Internetforen oder Blogs? Doch auch hier sollte man nicht alles für bare Münze nehmen, denn auch hier sind Fälscher am Werk (siehe z.B.
Neon, Mai 2011, S. 104). Man sollte sich also am besten auch immer seine eigene Meinung bilden, doch ist dies vor dem Kauf eines Produktes häufig schlecht möglich.