Das erste große Gesprächsthema in diesem Jahr dürfte in weiten Teilen des Landes die gleiche Geschichte sein, mit der das alte Jahr aufgehört hat: die Geschichte vom bösen Wulff.
Doch in meiner Heimatstadt Chemnitz regiert seit gestern Abend bzw. spätestens seit heute ein anderes Gesprächsthema, und zwar ein besonders bösartiger
. Oder soll man statt Reisebericht eher Hetze oder sogar Rufmord sagen?
Nachdem ein
Bericht in der faz vor zwei Monaten schon die hiesigen Gemüter erregte, aber letztendlich doch auch bei vielen Chemnitzern aufgrund offensichtlicher Ironie für den ein oder anderen Lacher sorgte, treibt es der neueste Artikel zu weit. So genau ich mir den Text auch durchlese, ich kann weder Ironie, noch Satire, noch Sarkasmus erkennen. Und ich gehe bestimmt nicht zum Lachen in den Keller. Auch als Provokation kann ich den Text nicht sehen, denn ist es provokant, sich über Verkehrstote lustig zu machen? Wie kommt der Autor vor allen Dingen darauf, dass es in Chemnitz überdurchschnittlich viele Verkehrstote gibt? Verwechselt er das vielleicht mit Brandenburg? War der Autor überhaupt schon einmal in Chemnitz? Und wenn nicht, hat er dann anderweitig über die Stadt recherchiert? Das sieht nicht so aus. Als gebürtiger Chemnitzer Einwohner habe ich jedenfalls noch nie etwas von den Bezeichnungen „Celle des Ostens“, „Minsk des Westens“, „Schöne unter den Blinden“ oder „Heimat des Grauens“ gehört. Vergleiche mit Tschernobyl oder Stalingrad 1943 sind absolut humorfrei, dafür aber sehr makaber.
Ich mag Chemnitz übrigens. Klar, gibt es viele schönere Städte, aber auch viele schlimmere. Meckern kann man vor allem als Deutscher immer. Doch Heimat bleibt Heimat. Auch wenn auch ich gern einmal über die „Stadt der Moderne“ spotte und Unverständnis für so manche Entscheidung der Stadt, zum Beispiel Kürzungen bei Kultur, zeige, ist es doch nicht so schlimm – nein eigentlich überhaupt nicht so – wie es der Autor darstellt.
Oder ist der ganze Text etwa nur ein PR-Gag? Jedenfalls wurde erreicht, dass über Chemnitz geredet wird, Chemnitz verteidigt wird – ja, Chemnitz geliebt wird. So oder so war es PR für unsere Stadt, denn hoffentlich wollen sich nach den vielen Kommentaren auf den Artikel mindestens ebenso viele Menschen ihr eigenes Urteil bei einem Besuch in Chemnitz bilden. Leider haben auch der Autor und die taz dadurch Ruhm erlangt, auch wenn dieser größtenteils negativ ist. Trotzdem, danke für die Werbung! Und falls es wirklich ein PR-Gag war, weiß ich trotzdem nicht, ob ich darüber lachen kann. Ich glaube eher nicht.
Foto: Sven Gleisberg, CWE Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH